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Schönheit hören
Musiknotizen zu Shanghai Beauty

Hören ist für mich wie die Suche nach einem seltenen Edelmetall: man muß ein paar tausend Kilogramm Geröll oder "totes" Gestein beiseite schaffen, um wenige Gramm des begehrten Metalls zu erhalten. Auch Musik hinterläßt im Klangalltag winzige Spuren: harmonische, rhythmische und melodische Strukturen verbergen sich unterm Klanggeröll. Sie sind kaum wahrnehmbar, bleiben dem ungeübten Passanten meist verborgen: das Hoch- und Runtertouren der Motoren eines U-Bahnzuges, die einen vagen Moll-Akkord intonieren, dessen Räderwerk im 6/8tel Takt poltert, Türen, die sich in diatonischem Quietschen öffnen und schließen.

'Akustische Schönheit' bedeutet für mich diese plötzliche unerwartete Klangentdeckung im Alltag, die sich tief in mein Gedächtnis eingraviert, lange Zeit in mir nachhallt. Wenn ich mit einer Komposition beginne, begebe ich mich bewußt in eine solche Situation, die Entdeckungen vermuten läßt – ebenso wie der Goldgräber, der wohl eher in Nevada als in Florida sein Glück versuchen wird. Und der Komponist, der zum Thema Shanghai Beauty eine Musik erfinden soll, wird wohl eher im Fundus chinesischer Klänge und Töne seine Suche starten.

So habe ich für die Tanztheaterproduktion Shanghai Beauty der Tanzcompagnie RUBATO verschiedenste Aufnahmen chinesischer traditioneller Musik erforscht. In diesen Aufnahmen entdeckte ich eher unscheinbare Klangmomente: mal einen einzelnen Schlag auf ein Perkussionsinstrument, einen seltsam gezupften Ton, oder einen kurzen Cluster einer dichten Mischung – Klänge, die mich auf- und weiterhorchen ließen. Ich sammelte viele außergewöhnliche Klangbausteine, die ich mir im Computer zurechtlegte. Aus diesen 'Klangatomen' setzte ich dann mittels verschiedener Verfahren neue Musikstücke zusammen. Eine Methode, die ich angewendet habe, war es, einzelne Klangereignisse zu sehr dichten scheinbar chaotischen Flächen zu schichten, indem ich die Klänge auf bis zu 4096 einzelnen Spuren miteinander verflocht. In derart schwirrenden Klangballungen traten bestimmte Eigenschaften der 'Klangatome' in den Hintergrund und andere bündelten sich zu völlig neuen Klangqualitäten. So offenbarten zum Beispiel Klänge, die ursprünglich perkussiv, also eher geräuschhaft waren, plötzlich ihre tonale Färbung, führten zu harmonischen Mustern. Und ähnlich den Mandelbaumschen Figuren blieben alle Mixturen immer mit einer gewissen Selbstähnlichkeit behaftet, auch wenn die äußere Struktur scheinbar nichts mehr mit dem Originalklang zu tun hatte.

Es entstanden Kompositionen, deren Schönheit aus der Bündelung tonaler Spurenelemente erwächst. Dichte Klangströme, deren Tempo nicht von traditioneller Metrik und Rhythmik dominiert werden, sondern aus einem mikrokosmischen Beziehungsgeflecht ihren dynamischen Sog und ihre harmonische Kraft entfalten.

Der Bezug zu der Kompositionsmethode von Johann Sebastian Bach, zu dessen Präludien und Fugen meine Interludien in Shanghai Beauty in Beziehung treten, ist so zu umschreiben: während die traditionelle chinesische Musik eher einstimmig melodiös komponiert wurde, sind die Bachschen Fugen ein Geflecht von mehreren miteinander kontrapunktisch korrespondierenden Einzelstimmen, die – ganz besonders in der Interpretation von Glenn Gould – sowohl als solistische Stimmen verfolgbar sind, als auch im kontrapunktischen Stimmengeflecht ihre harmonische Schönheit entfalten. Ich habe diese beiden Herangehensweisen mittels Synthese im Computer verbunden. Die Einzelstimmen bestehen aus Klangatomen chinesischer Klangmuster und treten nach eher klassischen kontrapunktischen Regeln miteinander in Beziehung.

Lutz Glandien

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