Kritiken

Domestic Stories
Songzyklus nach Texten von Chris Cutler, 1992

Eine bemerkenswerte Aufnahme, egal wie Sie sie hören ... Das Material zirkuliert von sanfter, neoklassischer Schönheit bis zum abgehackten Avantgarde-Jazz-Rock-Experiment – alles in der besten Tradition der 'Rock in Opposition'-Bewegung.
Michael C. Mahan, ALTERNATIVE JAZZ (USA 1993)


... Mit spartanischen Texten von Chris Cutler und kompromißlosem Bläserspiel von Alfred 23 Harth, ist das "Antipop" vom Feinsten – variierende Metren und Songs ohne Hookline, welche sich sowohl klassischen als auch Rock-Paradigmen verweigern – komponierte
Stücke mit improvisierten Elementen, in denen sich Struktur und Frische die Waage halten.
Zuhörer, die sich die Mühe machen es zu verstehen, werden reichlich belohnt werden.
Scott Becker, OPTION #50 (May-June 1993)


"Domestic Stories" ist eine mitreißende und anspruchsvolle Sammlung von seltsamem Pop und Art-Rock. Die Post-Kabarett-Vocals von Dagmar Krause spotten den verschleierten Rockeinflüssen der Musik, und eine Vielzahl frei strömender Instrumentalpassagen vereinen sich, womit eine blühende Spannung kreiert wird.
Peter Margasak, CHICAGO TRIBUNE (May 6, 1993)


... Lob an Glandien für das Zusammenstellen, Aufarbeiten und Mischen dieser Stücke zu einer bündigen Einheit – eine Methode, welche Künstlern mit Sensibilität für die freie Form bisher scheinbar umgangen haben. Der Zuhörer muss sich trotzalledem bemühen, auf den Zusammenprall von musikalischen Einflüssen und lyrischen Interpretationen zu reagieren und diese nachzuvollziehen. Dennoch verbindet Glandiens Keyboardspiel alle versplitterten Improvisationen der Musiker in einen festen Rahmen, ohne dabei ausschweifende Umwege zu vollziehen.
Zurückhaltende Neulinge mögen diese Art von Musik noch anstrengend finden, während echte Hardcore- Enthusiasten möglicherweise jene als "Weißbrot-Avantgarde" abstempeln würden, jedoch folgt diese Gruppe musikalischer Pioniere glücklicherweise weiterhin ihrer eigenen Vision.
PLAYERS 31 (March 11, 1993)


Die Talente von Dagmar Krause, Fred Frith und Peter Blegvard preisend, könnte man die Zusammenarbeit zwischen Cutler und Glandien wohl als Kew Rhone oder ein Desperate Straits der 90er bezeichnen.
Es könnte nicht weiter vom ernsten Kratzen Henry Cow´s entfernt sein. Glandien basiert seine unerhörte Sampling- und Sequencingtechnik auf Rockrhythmus oder dichten Keyboard-Repetitionen, wobei er gelegentlich für den ungebändigten Saxophonisten Alfred 23 Harth, oder für Frith‘s Gitarren- und Baß-Riffs Platz läßt. "Domestic Stories" ist ein Album erstaunlicher Extreme und Paarungen; die fragilen Melodien und exzentrischen Songs mit der wundervollen, von Slapp Happy bekannten, Stimme Dagmar Krauses, seismisches Grollen aus Glandiens Soundlabor und einige wilde Zwischenspiele.
Glandiens Electronik ist nahezu packend und Cutlers eleganter Funk (jawohl, Funk!) auf "Red, Black, Gold" wird den "Nirvana For Mice"-Fans das Herz höher schlagen lassen. Sogar Experten werden auf so manche Überraschung stoßen.
John Gill, VOX (July 1993)


Es ist schwer zu entscheiden, was auf diesem Album ausdrucksstärker ist, die Musik oder die Texte. Das musikalische Material zirkuliert von sanfter, neoklassischer Schönheit bis zum abgehackten Avantgarde-Jazz-Rock-Experiment - alles in der besten Tradition der 'Rock in Opposition'-Bewegung. In diesem Zusammenhang stechen "Unquiet Days In Eden" , "Red, Black, Gold" und "Owls at Dusk" besonders hervor.
Michael C. Mahan, ALTERNATIVE PREE (July 1993)


... es hat eine Weile gedauert, aber jetzt endlich lausche ich mit Vergnügen den vielen faszinierenden Momenten von "Domestic Stories" (danke)."
John Oswald
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Auf "Domestic Stories" treffen der Berliner Komponist Lutz Glandien und der Londoner Schlagzeuger Chris Cutler nicht zum ersten Mal aufeinander. Bereits 1991/92 kamen sie dreimal zusammen, um das Projekt "Strange Drums" für Schlagzeugimprovisation und Tonband, die Komposition "TromPose" für Schlagzeug, Posaune (Konrad Bauer) und Tonband sowie die Komposition "Tuba mortale" für Tripletuba (Michael Vogt), Schlagzeug und Tonband zu realisieren. Dennoch läßt sich ohne lange Überlegung feststellen, daß die Zusammenarbeit der beiden Musiker mit ihrer ersten gemeinsamen CD eine völlig neue Qualität erreicht, daß nicht nur beide Neuland betreten, sondern in ungeahnter Weise ihre Erfahrungshintergründe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, einbringen.

Lutz Glandien begann seine musikalische Laufbahn als Songschreiber und Pianist der Songgruppe der Technischen Universität Dresden. Über mehrere Stationen, die seine Lust, Musik zu schreiben, immer deutlicher in den Mittelpunkt aller Aktivitäten stellte, gelangte er zu einem Kompositionsstudium an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin, schlägt sich seit 1983 als freiberuflicher Komponist durch und arbeitet am Studio für Elektroakustische Musik zu Berlin, in dem auch unter der erfahrenen Hand von Georg Morawietz die "Domestic Stories" entstanden sind. Seine spektakulären Werke, häufig für Tonband oder Tuba, wie auch einige ungewöhnliche Soundtracks brachten ihm in Insiderkreisen schon bald den Ruf eines kompromißlosen Avantgardisten, der gern im Verborgenen wirkt, ein.

Chris Cutlers künstlerische Biographie gleicht einer Kammwanderung. Gemeinsam mit Fred Frith spielte er 10 Jahre lang im Unternehmen Henry Cow, rief später Art Bears ins Leben, gehörte – zu deren besten Zeiten – den Untergrund-Rockern Pere Ubu an und setzt immer noch Akzente mit CASSIBER – Bands, zu denen jedes weitere Wort wohl überflüssig wäre. Die Besetzung von "Domestic Stories" liest sich mit Bassist und Gitarrist Fred Frith, Sängerin Dagmar Krause und Saxophonist Alfred Hart wie eine Bestandsaufnahme der genannten Gruppen an.

Und wenn man glaubt, auch die eine oder andere Reminiszenz an Cutlers musikalische Vergangenheit zu entdecken, stammen von dem eleganten Trommler in Wirklichkeit ausschließlich die Texte, die – ins Deutsche fast unübersetzbar – in ihrer Intimität und dem Spannungsverhältnis aus introvertierter Blumigkeit und fragmentarischer Knappheit an die größten Momente der englischen Poesie erinnern. Von einer bloßen Vertonung dieser Texte durch Lutz Glandien zu sprechen, wäre zu wenig. Der Berliner hat die Intentionen des geschriebenen Wortes erfaßt und eine musikalische Ensprechung gefunden, die jene zerbrechlichen Lyrics sowohl spielerisch umhaucht als auch in eine gläserne Hülle kleidet. Text und Musik durchdringen sich gegenseitig so, daß nicht selten der Moment eintritt, da das Wort zum Klang und der Sound zum Sinnträger wird. Reflexionen und Abstraktionen verschmelzen ineinander; das offene Ohr greift nach der Vibration verschiedenster Zeiten und Gegenden, um auf multimedialer Ebene zu errichten, was bislang nur als multikulturell vorstellbar war, ohne dem Hörer die Möglichkeit zu nehmen, eigene Assoziationsräume zu finden.
(Wolf Kampmann)


Glandiens dramaturgisches Konzept läßt den einzelnen Instrumentalisten keinerlei Spielraum. Und das ist ausnahmsweise einmal gut so. Frith´s Gitarre hat meist eine Statistenrolle, ebens Cutlers Schlagzeug, das weniger rhythmisch als melodisch eingesetzt ist, oder Alfred Harths Saxophon und Klarinette, die einzig die wenigen Jazzelemente einbringen. Der zugrundelegende Text, den Chris Cutler bereits vor vielen Jahren schrieb – und den kein anderer bearbeiten wollte oder konnte – ist von Glandien atmosphärisch dicht, soundbetont und zeitlos vertont worden. Schroffe, gitarrendominierte Parts gehen beinahe
nahtlos in liturgische , sakrale Klänge über: aus Geräuschen und einzelnen Tönen brechen
melancholische Melodien hervor. Kammermusikalische Strukturen treffen auf Rockbeats, leidvolle Erfahrungen auf Widerstand. Und trotz des massiven Synthesizer-Einsatzes wirkt
das Ganze nicht künstlich. Herzschlagtreffer und damit Anspieltip: "None are Disbarred"
Anna Bianca Krause, (Jazzthetik, 1993)

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