Texte


The 5th Elephant

Virtualectric Stories, 2002 [Booklet-Text]

"The 5th Elephant" verdankt seine Entstehung einem Mißgeschick. Im Oktober 1997 trafen sich Chris Cutler, Lutz Glandien and Michael Vogt in einem Berliner Studio, um einige Improvisationen für Drums, elektronische Perkussion, Tuba und Midi-Gitarre aufzunehmen. Nach drei Tagen Studiofrust hörten sich die Musiker die Aufnahmen an und erklärten sie für unbrauchbar. Ihr darauffolgendes Konzert am nächsten Tag im Berliner Klub ANORAK war äußerst erfolgreich, wurde aber leider nicht mitgeschnitten.
Ein Jahr später wandte sich Lutz Glandien aufgrund der Unzufriedenheit mit dem völligen Verwerfen des Projektes den Aufnahmen erneut zu. Er lud eine der Improvisationen (die ursprünglich jeweils zwischen 5 und 20 Minuten dauerten) in seinen Computer und fing an, nach interessanten Details zu suchen. Das war der Beginn dieser CD.

Beim Durchhören der einzelnen Spuren sondierte er Drum-Riffs, individuelle Passagen, Tubamotive, Studioatmosphären und elektronische Sounds sowohl von MIDI-Gitarre als auch von elektronischer Perkussion und speicherte sie auf der Festplatte seines Computers. Diese bildeten das Rohmaterial für neue Kompositionen. Etwa 90% des Materials für "The 5th Elephant" wurde auf diesem Weg aus der verworfenen Aufnahmesession gewonnen. Um weitere Farben hinzuzufügen, bezog der Komponist Elemente seines eigenen Sound-Archivs, wie Sprechstimmen, Atmosphären und Subbässe, an denen es den Improvisationen mangelte, mit ein.

Der Grundstein für jedes Stück wurde durch jeweils ein bestimmtes Sample gelegt: ein Drum-Loop, ein Tubamotiv oder, im Fall der Vokalstücke, ein Stimmfragment. Das somit gewonnene Kernsample lieferte die Harmonie, das Tempo und den essenziellen Klangcharakter jeder Komposition und prägte dessen besonderen Stil. Nach der Festlegung der Grundparameter wurde die Komposition – ausschließlich unter Verwendung des Materials der jeweiligen Improvisation – unter enormen Aufwand um das Kernsample konstruiert.

Die stilistische Vielfalt, welche sich aus dieser Arbeitsweise ergibt, steht in enger Korrespondenz zur Spannbreite des gesamten kompositorischen Schaffens Glandiens. Im Laufe der Jahre schrieb er für Kammerensembles und Sinfonieorchester, produzierte elektroakustische Stücke, arbeitete mit Rockmusikern und Improvisatoren, komponierte Musik für Hörspiel, Film, Video, Ausstellungen und neuerdings auch für Klanginstallationen.

In seinem ständigen Streben nach klaren und, ihrem Wesen nach, klassischen Formen, setzt er hierbei auf die Dreieinigkeit von treibenden Rhythmen, atmosphärischen Backgrounds und melodischen Konfigurationen, um dadurch eine extrem komplexe Klangstruktur zu erschaffen. So nahm über einen Zeitraum von drei Jahren "The 5th Elephant" Gestalt an – Stück für Stück: ein heterogener und an Multistilistik reicher Zyklus von ‚Virtualectric Songs‘.
Dr. Kersten Glandien
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NEUERSCHEINUNG BEI ReR MEGACORP
Lutz Glandien
The 5th Elephant
ReR LG2 | UPC# 752725013222

"The 5th Elephant" ist ein Album von extrem agressivem und hypnotischem, Gothic und Industrial Techno, welches so klingt, wie das Frontcover aussieht – wie der Planet in Ridley Scott’s "Alien". Lutz Glandien ist ein in Berlin lebender Komponist, dessen Profession des elektronischen Studios und der Freiheit, sich zwischen verschiedenen Musikgenres nach Belieben zu bewegen, durch diese Veröffentlichung bestätigt wird.
Knirschende Klänge, treibende Rhythmen, schreckeneinflößende Science-Fiction-Soundscapes, Reversivstimmen – all dies bietet genug, um den größten Hardcore-Fan zu befriedigen und um alle anderen Zuhörer den Atem zu rauben. Da Glandien ein Komponist ernster zeitgenössischer Musik ist, scheint es um so erstaunlicher, wie er musikalische Grenzen überschreitet und damit außergewöhnliche Wechselbeziehungen verschiedener Ansprüche, zwischen klassischer elektronischer Musik und Techno Underground, zelebriert. Der Album entstand aus Studio-Improvisationen mit dem Perkussionisten Chris Cutler (Pere Ubu, Henry Cow, Cassiber), und dem Avantgarde-Tubaspieler Michael Vogt (Berliner Sinfonieorchester). Beim Abhören der Aufnahmen kam man überein, dass das Ergebnis ein Mißerfolg war. Dies hielt sie allerdings nicht davon ab, am Tag nach der Studiosession im Berliner Klub "ANORAK" ein stürmisches Livekonzert zu geben. Doch es herrschte nach wie vor die Stimmung, dass die Studioaufnahmen zu nichts zu gebrauchen wären. Ein Jahr später wandte sich Glandien dem Material nochmals zu und durch das Herausfiltern prägnanter Klangmomente und deren Neuordnung zu kurzen Stücken, begann etwas Außergewöhnliches Gestalt anzunehmen.
Er verbrachte die darauffolgenden drei Jahre mit der Sichtung des Materials und bearbeitete es mit dem Computer, wobei ein stark komprimiertes und provokantes Werk entstand. Glandien definiert die Kompositionen, die aus jenem Prozeß entstanden, als "Virtualectric Stories", welche sich nach emotionalen Abläufen entwickeln und dabei nie bestehenden Formprinzipien folgen. Der Mangel an offensichtlich formellen Strukturen ist zugleich erschwerend als auch aufregend, da die Musik den Hörer nie in eine Monotonie verfallen lässt – der Groove ist ständigen Wandlungen unterworfen. Glandiens Gebrauch von Sprachfragmenten, um melodische und harmonische Strukturen zu bestimmen, erfüllt keinesfalls konventionelle Hörerwartungen – ein Teil basiert z.B. auf vokalem Grummeln des Tubisten Michael Vogt!
Über die Jahre komponierte Glandien Musik für Kammerensembles, Soloinstrumente und Sinfonieorchester. Nach Einrichtung seines eigenen elektronischen Studios Anfang der 90er Jahre schuf er viele Soundtracks für Film und Fernsehen sowie für zahlreiche Rundfunkproduktionen.
Sein 1993 bei RéR erschienenes Album ‘Domestic Stories’, mit Texten und Drums von Chris Cutler, einem Henry Cow/Art Bears Songalbum referent, erfuhr das Lob der Kritiker: "Die Zusammenarbeit zwischen dem ehemaligem Henry Cow-/Art Bears-Perkussionisten Cutler und dem deutschen Elektronik-Komponisten Glandien könnte wohl ein Kew Rhone oder Desperate Straights der 90er werden.
Danach veröffentlichte RéR 1994 ein Album von Glandiens ‘klassischen’ Werken – "Scenes From No Marriage" – eine Serie der Mini-Concertos für akustische Instrumente und elektronische Tonbandklänge. Letztendlich ist es Glandien gelungen, alle diese Elemente zu einen, und zeigt uns damit, dass es möglich ist, die Ehe zwischen "Nine Inch Nails" und "The Chemical Brothers" auf der einen Seite und "Stravinsky" und "Stockhausen"auf der anderen zu erzwingen.

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