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L'Impero Ritorna – Das Imperium kehrt zurück

für Viola und 8-Kanal-Tape, 1999

(ein kleiner Ort)
Ein Musiker sitzt auf der Bühne und hört die Mitteilungen auf seinem Anrufbeantworter.
Um ihn herum erstreckt sich ein weiter Raum.
Er – der Empfänger von Informationen – vernimmt die Botschaft:
    Castel Giorgio ist ein kleiner Ort westlich von Orvieto, der unbeachtet im Schatten Umbriens an der Grenze zur Region Latium liegt. Ausgerechnet in diesem vergessenen Landstrich soll ein neues Rom entstehen. Genauer gesagt das alte: Roma Vetus.
Der Gemeinderat von Castel Giorgio hat ein Projekt genehmigt, nachdem auf einer Fläche von 360 Hektar das Zentrum des antiken Roms in Glasfaser und Polyester aufgerichtet wird. In Originalgrösse. Allein im Circus Maximus könnten 20 000 Personen Platz finden. Ein riesiger Vergnügungspark also, in dem man sich ganze Tempel denken kann, wo in Wirklichkeit nur Säulenstümpfe stehen. Ein Kolosseum ohne Einsturzgefahr und mit Gladiatorenkämpfen, das Wohnviertel der Suburra mit typischen Läden, das Trajansforum mit Kaiserautritten und Opfergaben – Rom, wie es einmal war.
News – the same message in many different languages – kreist durch seine Gedanken
ein neues Rom ... in Glasfaser & Polyester
Der Musiker hört Hämmerschläge, die vom Baubeginn künden. Vor seinem inneren Auge entsteht die imperiale Pracht in den bewegten Bildern der 60er Jahre. Simulierte Geschichte auf Zelluloid gebannt. Pompös, betörend und dauerhaft. Medien bebildern Vergangenes. Simulation ersetzt Erlebtes. Reales entschwindet – immerfort.
    Speak up! Let the world hear you!
    Let the heart of the empire grow with us
    Let us grow ever bigger, ever greater!
    Let the world know That Rom will not die!
    Let us grow ever bigger, ever greater!
    There are millions – waiting at our gates.
Im Stück mischen sich kontemplative Improvisationen mit kompositorischen Vorgaben, gefundenen Geräuschen und virtuellen Filmsequenzen. So wird die Unverwechselbarkeit individuellen Musizierens von aussen her strukturiert und kontextualisiert. Assoziationen werden freigesetzt – unwillentlich – verzweigen sich.
Ins Werk gesetzte Massenszenen evozieren noch immer Bilder jüngster politischer Vergangenheit – die Inszenierung politischer Imperien und deren Fall.
    How does an empire die?
    Does it collaps in one terrible moment?
    No! No, but there comes the time
    When it‚s people no longer believe in it
    Then, then does an empire begin to die.
Im Kopf des Musikers wird der mediale Vergnügungspark zum politischen Schauplatz – auf dem heute die Schlachten ausgetragen werden:
the same message in many different languages - für alle deutlich vernehmbar: "Panis et circensis", "Brot und Spiele", "bread and games" mit Kaiserauftritten und Opfergaben.
And he, the musician, is sitting on the stage –Teil des globalen Spektakels.

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