Vortrag

Aus Verstreutem ein Ganzes
(Vortrag für das Goetheinstitut in Kyoto im November 2003)

foto spree Es war in jenem harten Winter 1996, als ich auf der zugefrorenen Spree in Berlin spazieren ging. Da entdeckte ich zwei aufeinander liegende Eisschollen. Ich schlug sie vorsichtig mit einem Holzstück an und hörte bizarre Klänge. Erstaunlicherweise erklangen die Töne der beiden Schollen im Abstand von genau einer Quinte. Da ich keinen Rekorder bei mir hatte, ich die Klänge aber gerne aufnehmen wollte, nahm ich beide Eisschollen einfach mit nach Hause. foto schollenIch leerte meinen Gefrierschrank, packte anstelle der Feinfrostwaren die Eisschollen hinein und ließ eines meiner Zimmer bis auf wenige Grad über null abkühlen. In diesem Zimmer machte ich dann die Tonaufnahme. Ich legte die Eisschollen auf einen Tisch, spielte auf ihnen mit verschiedenen Schlegeln und nahm diese Klänge mit zwei Mikrofonen auf.
Aus dem so gewonnenen Klangmaterial entstand die Tonbandkomposition Verschollen .

So abenteuerlich ist Komponieren allerdings sehr selten und vor diesem Erlebnis lagen viele Jahre des Suchens und des Ausprobierens. Also springen wir 49 Jahre zurück. Da wurde ich in Oebisfelde, einer Kleinstadt östlich der damaligen innerdeutschen Grenze geboren. Mein Vater, der leidenschaftlicher Musiker war, unterhielt eine Tischlerwerkstatt und meine Mutter, die gerne Modezeichnerin geworden wäre, mußte sich um den Haushalt und die Familie kümmern; das Geld war knapp und so blieben die Träume auf der Strecke.
Ich erinnere mich an manche Abende, an denen meine Eltern und mein älterer Bruder Hausmusik machten. Das hat mich sehr angerührt und so begann ich mit neun Jahren Klavier zu lernen und später auch Gitarre und Schlagzeug. Mit 14 Jahren gründete ich eine Rockband. Da ich schon damals eine große Affinität für elektronische Geräte hatte, baute ich die benötigten Verstärker und Lautsprecherboxen, sowie einen einfachen Synthesizer selbst.

top

foto schichtfoto lutz glandien1975 zog ich nach Dresden, eine Großstadt im Süden der damaligen DDR. Ich arbeitete dort als Pianist und Komponist im Liedertheater 'Schicht'.
Deren Aufführungen, die eine Mixtur aus Songs, Theater, Elektronik und visuellen Medien waren, führten mich auf zahlreiche Tourneen durch ganz Europa. Die Erfahrung, selbst Musik auf einer Bühne auszuüben, sowie auch Theater zu spielen, war sehr prägend für alle meine darauffolgenden Projekte.

foto georg katzerVon 1977 bis 1983 absolvierte ich ein Kompositionsstudium an der Hochschule für Musik in Berlin, das ich um ein Zusatzstudium an der Akademie der Künste in der Meisterklasse von Georg Katzer (Foto) erweiterte. Nach Abschluß meiner Studien begann ich meine Arbeit als freischaffender Komponist in Berlin.




Ruhestörung
Wir hörten einen Ausschnitt aus der Komposition 'Ruhestörung' , für Kammerensemble, präpariertes Klavier und Schlaginstrumente, die während meines Studiums entstand.
Die Schlaginstrumente habe ich eigens für dieses Stück entworfen und aus verstreuten aussortierten Haushaltsgegenständen selbst gebaut. Ich baute Schlaginstrumente aus Stuhlbeinen, Wasserrohren, Büchsen und Dosen, Flaschen, Kohleneimern, Blechen sowie ein großes xylophonähnliches Instrument mit ganz gewöhnlichen Brettern zur Klangerzeugung. Die Entstehung der Komposition hatte etwas mit meinem damaligen Wohnungsvermieter zu tun, der mich wegen angeblich zu lautem Klavierspiel vor Gericht verklagte, den Prozeß jedoch verlor, da es für den Richter als nicht erwiesen galt, dass mein Klavierspiel ruhestörender Lärm sei.

foto michael vogtDie Jahre nach dem Studium waren geprägt von der Arbeit mit Solisten und Ensembles in der Zeitgenössischen Neuen Musikszene. Es entstanden zahlreiche Kompositionen für Soloinstrumente, z.B. für Klavier, für Flöte und vor allen Dingen für Tuba und den Solotubisten des Berliner
Sinfonieorchesters
, Michael Vogt, den ich 1985 kennenlernte.

In enger Zusammenarbeit mit ihm und in mehr als einem Dutzend Stücken entwickelten wir außergewöhnliche Spieltechniken für die Tuba und klangliche Manipulationen am Instrument selbst. Ein Beispiel dafür ist Tuba Intim, foto aus verstreutem ...bei dem zwei Tubas mit Schläuchen so miteinander verbunden werden, dass jeder Spieler durch Betätigen eines bestimmten Ventils auch die Tuba des Mitspielers zum Klingen bringen kann. Ein anderes Beispiel ist Aus Verstreutem ein Ganzes, wo die Tuba in ihre Einzelteile zerlegt wird und die Tubatöne über zusätzliche Schalltrichter und Schläuche umgeleitet werden und von anderen Orten her und aus anderen Richtungen erklingen.

Alle diese Stücke, Studien und Erfahrungen gipfelten schließlich in der Komposition Tubakonzert für Tuba und großes Orchester, dass ich 1988 für das Berliner Sinfonieorchester und den Solotubisten Michael Vogt komponierte.

Ein anderes Beispiel aus dieser ersten Schaffensperiode ist die Ensemblekomposition und war es noch still . Diese Komposition entstand 1989 im letzten Jahr des Bestehens der ehemaligen DDR. In ihr spiegeln sich einige der gesellschaftlichen Ereignisse wider, die sich zwischen der Wahlfarce im Mai '89 und dem Niederknüppeln der Berliner Demonstrationen im Oktober '89 in der DDR abgespielt haben.
top

Diese Komposition stellte einen Umbruch in meiner Arbeitsweise dar. Alle Kompositionen zuvor entstanden auf herkömmliche Weise am Schreibtisch und realisierten sich klanglich erst durch die Uraufführung. Diese Situation beengte mich zunehmend. Ich wollte intensiver an der Klang- und Formentwicklung meiner Stücke teilhaben – und zwar während des Komponierens und nicht erst sehr viel später in den Proben zu einem Stück. Also nutzte ich die Mittel der Elektronik. Mit einem Sampler und einem Computer entwarf ich eine Klangsimulation des Stückes während ich komponierte und entwickelte das ganze Werk quasi hörend. Erst als ich mit der simulierten Fassung zufrieden war, notierte ich die Komposition in Form einer Partitur. Diese Arbeitsweise, die ein produktives Wechselspiel von Komponieren und Hören in Realzeit ist, veränderte mein Formempfinden nachhaltig. foto cd wergoEinige Werke aus dieser ersten Schaffensperiode sind zusammengefaßt auf einer Solo CD, die bei Wergo 1992 erschienen ist.

Cut , eine Tonbandkomposition von 1988, markiert den Beginn meiner Hinwendung zur Elektroakustischen Musik, also der Komposition und Produktion von Musik für die Wiedergabe durch Lautsprecher. Das Ausgangsmaterial für diese Tonbandkomposition bildeten Klänge von Gitarre, Harmonika, Aluminiumröhren, menschlichen Stimmen, zersplitternden Gläsern, Türenschlägen und Schüssen. Diese Klänge habe ich mit einem Multieffektprozessor YAMAHA SPX 90 bearbeitet, das heißt, transponiert, zerhackt und zu Akkorden und komplexen Klangereignissen zusammengefaßt. Mit einem der ersten Heim-Musikcomputer, einem YAMAHA CX5 war ich in der Lage, polyphone Tempostrukturen mit den Klangsamples zu verwirklichen.

foto cd scenesIn den darauffolgenden Jahren entstanden mehrere Kompositionen für Instrumente und Elektronik, von denen vier auf der 1992 bei RER London erschienenen CD Scenes from no Marriage zu hören sind.


Die Abgestürzt sind
(für Perkussion und Tonband),
Weiter so (für Streichquintett und Tonband),
Schattenspiel (für Klavier und Tonband), sowie
Strange drums (für Schlagzeug und Tonband).

Die Komposition 'Strange Drums' markiert einen weiteren wichtigen Punkt meiner Entwicklung, den Beginn der Zusammenarbeit mit dem englischen Schlagzeuger und Autoren Chris Cutler.foto chris cutler
Die Zusammenarbeit mit diesem vielseitigen Musiker, die bis in die Gegenwart reicht, eröffnete mir den Zugang zu anderen musikalischen Genres, so z.B. des Avantgarderocks und der improvisierten elektronischen Musik. foto cd domestic storiesUnsere erste gemeinsame CD Domestic Stories von 1993 macht diese neuen Einflüsse auf meine Musik hörbar. Es fließen Elemente aus mehreren Genres zu einer Collage zusammen, elektronische Musik, Rock- und Jazzelemente, sowie improvisierte Musik, wobei die Formstrukturen sich eher an denen der Zeitgenössischen Neuen Musik orientieren.



foto the 5th elephantEin weiteres Projekt mit Chris Cutler sowie dem Tubisten Michael Vogt ist die CD The 5th Elephant.
Sie verdankt ihre Entstehung einem Mißgeschick. Im Oktober 1997 trafen wir uns in einem Berliner Studio, um Improvisationen für Drums, elektronische Perkussion, Tuba und Gitarre aufzunehmen. Unser Ziel war es, aus den Aufnahmen eine CD zu produzieren. Nach drei Tagen Studiofrust hörten wir uns die Aufnahmen an und erklärten sie für unbrauchbar und verwarfen das Projekt.
Ein Jahr später wandte ich mich aufgrund der Unzufriedenheit mit dem Mißlingen des Projektes den Aufnahmen erneut zu. Ich hörte jede einzelne Tonbandspur nacheinander noch einmal durch und entdeckte plötzlich viele wunderbare Klangdetails, die ich in meinen Computer überspielte. Bald hatte ich einige hundert außergewöhnliche Klänge und Klangpassagen gesammelt und begann, daraus neue Stücke, virtuelle Kompositionen zu formen, bei denen die einzelnen Passagen durchaus noch als live gespielt erkennbar waren, aber so nie zusammen gespielt wurden oder jemals reproduzierbar wären. Ich suchte nach dem emotionalen Kern der Klänge, erforschte hörend deren zwingende Intention, um sie später keinem übergeordneten Konzept unterwerfen zu müssen. Die Strukturen der Musik ergaben sich nach und nach aus dem Wesen der Klänge selbst. Zusätzlich verwendete ich Textfragmente aus Hörspielen und entwickelte erstmals eine Methode des Virtuellen Gesangs. Jedes einzelne Stück dieser CD manifestiert meine Öffnung gegenüber verschiedensten musikalischen Einflüssen, denen ich mich bewußt aussetze und aus denen ich eine für mich Neue Musik erschaffe.
Close Song without save (The 5th Elephant)

top

Diese Arbeit war sehr zeitaufwendig, mitunter benötigte ich mehrere Wochen, um ein paar Minuten Musik herzustellen. foto studioUm diese Arbeitsweise und meine speziellen Klangvorstellungen noch besser realisieren zu können, richtete ich mir in den folgenden Jahren mein eigenes Tonstudio ein, um meine Projekte technisch und künstlerisch unabhängig verwirklichen zu können. Eng mit dieser elektroakustischen Tätigkeit verknüpft, schuf ich in dieser Zeit vorwiegend Kompositionen für Lautsprecher, Musik für Videokunst, Filmmusiken, Schauspielmusiken, Musik für Tanztheater, Musik für Hörspiel und Radiokunst.

Eine exemplarische Arbeit aus dem Bereich Radiokunst ist das Hörstück 'Das Zeichen der Drei' (The Sign of Three) nach einem Text von Chris Cutler.
Das Zeichen der Drei, die geheimnisvolle Geschichte des Kommissar Rex Monday, collagiert Fragmente einer Kriminalgeschichte und betritt gleichermaßen philosophische Gefilde. Bezüge auf Gedächtnis, Literatur, Kommunikationssysteme und Medien bilden ein ständiges Leitmotiv. Die Musik zu diesem Hörstück ist eine Art Soundtrack zu einem imaginären Hörfilm. Ich habe mir ein akustisches Drehbuch erstellt und mich von Wort zu Wort, von Klang zu Klang vorgewagt und Szene für Szene hörend komponiert.
In Anlehnung an die moderne Filmmusikakustik habe ich das Stück in Dolby Digital produziert. Die Technik der 5-Kanalwiedergabe eröffnete mir die Möglichkeit, mich als komponierender Zuhörer mitten ins Klanggeschehen zu begeben. Das Hörstück wurde 1998 in der Akademie der Künste Berlin als erstes 5-Kanalhörspiel Deutschlands zur Uraufführung gebracht.
Der Tatort ('Das Zeichen der Drei')

In diese Zeit fällt auch der Beginn meiner Zusammenarbeit mit der Berliner Tanzcompagnie Rubato. Eine unserer ersten Produktionen war 'duty free'. foto duty freeDaran waren Tänzer aus Deutschland, China, Estland und Kanada beteiligt. Mein Konzept für die Musik zu diesem Tanzstück bestand darin, von jedem Tänzer persönliches, authentisches Klangmaterial aufzunehmen, zum Beispiel Stimmsamples oder tanzend mit dem Körper erzeugte Geräusche, um davon ausgehend die Musik zu komponieren. Ich stellte den Tänzern frei, mittels welcher Texte sie mir einen persönlichen Stimmabdruck zu Verfügung stellen würden. Anna-Liisa aus Estland las einen Märchentext und Daelick aus Kanada erzählte kurze Episoden aus seiner Kindheit. So erhielt ich Stimmmaterial verschiedener Sprachen und Kulturkreise.

Wie schon in 'The 5th Elephant', ist in 'duty free' die Musikalisierung gesprochener Wörter eine der Hauptkompositionsrichtungen. Ich möchte diese Arbeitsweise anhand eines Beispiels demonstrieren.
Zuerst nahmen wir den Text in einem Studio auf. Nach der Aufnahme im Studio hörte ich den gesamten gesprochenen Text am Computer sehr oft durch. Hören sie einen Ausschnitt aus dem estnischen Märchen, gesprochen von Anna-Liisa aus Estland.
Danach markierte ich einzelne Wörter oder Silben, die einen außergewöhnlichen melodischen oder rhythmischen Charakter hatten, unabhängig von deren semantischer Bedeutung. Diese Arbeit ist so eine Art Motivsuche, nur dass die Motive nicht aus Tonfolgen bestehen, sondern aus Klangereignissen, Wörtern oder Silben.
Das gesprochene Wort IST eigentlich schon Gesang, nur sind die Tonfolgen so schnell und zufällig, dass keine melodische Ordnung hörbar ist. Koppelt man jedoch einige Silben aus dem Kontext anderer Wörter heraus und wiederholt sie wie ein Motiv, oder führt die melodische Substanz mit instrumentalen Klängen weiter, offenbart sich der harmonische Ursprung der gesprochenen Wörter und wird als Musik erfahrbar.
Die getroffene Auswahl von Silben und Wörtern brachte ich dann in eine melodisch schlüssige Reihenfolge. Ich verwendete einzelne Silben, vorwärts und rückwärts abgespielt, faßte Silben aus verschiedenen Wörtern zu neuen virtuellen Wörtern zusammen und brachte sie in rhythmische Abläufe. Entlang der so entstandenen Hauptstimme komponierte ich dann das eigentliche Stück. Das Ergebnis ist eine Art virtueller Gesang, der mit komponierten Melodien für einen Sänger kaum etwas gemeinsam hat, der weder notierbar noch live reproduzierbar ist.
Es ist Lautsprecherkunst. Die Melodik und alle musikalischen Komponenten leiten sich ausschließlich aus dem Material der jeweiligen individuellen Stimme selbst ab. Dabei vermeide ich jedoch semantische Bedeutung. Ich erfinde eine scheinbar neue Sprache, die aus Versatzstücken der jeweiligen Originalsprache zusammengesetzt ist. Ich suche nach einem Ausdruck, der phonetisch bestimmt ist. Dieser vermittelt sich ausschließlich über den Gestus und ist international verständlich.
(duty free , Tanzcompanie Rubato, Ausschnitt aus der Premiere im Theater am Halleschen Ufer Berlin 2001.)

foto cd lost in roomsDie wichtigsten Stücke aus 'duty free' und einer weiteren Tanzproduktion mit dem Titel Person to Person habe ich auf der CD Lost in Rooms zusammengefaßt, die im November 2003 bei RER London erschienen ist.)





top

Musik im öffentlichen Raum - Klangkunst
Ende der 90er Jahre hat sich ein Teil meiner Aktivitäten auf Kunst im öffentlichen Raum konzentriert. Ich wollte weg aus der hermetischen Abgrenzung der Konzertsäle, den damit verbundenen strengen Rezeptionsformen. Ein weiterer Grund für die Abkehr vom regulären Konzertbetrieb war auch der innige Wunsch, neue und andere Publikumskreise zu erreichen, als das eher aus Spezialisten bestehende Konzertpublikum für Neue Musik. Deshalb suchte ich Kontakte und Arbeitsmöglichkeiten für Musik im öffentlichen Raum. Eine der ersten Arbeiten auf diesem neuen Gebiet war eine Komposition für das Berliner Carillon, den Glockenturm im Tiergarten in der Nähe des heutigen Regierungssitzes, des Berliner Reichstags. Der Zufall wollte es so, dass zur Zeit der Uraufführung Christo den Reichstag verhüllte. Folglich habe ich meine Komposition 'Mensch, Christo!' genannt.
(Mensch, Christo! Ausschnitt aus der Probenphase mit dem amerikanischen Carilloneur Jefferey Bossin.)

Eine weitere Möglichkeit, Kunst im öffentlichen Raum zu schaffen - mit dem Ziel direkterer und engerer Kommunikation mit einem größeren Publikum - ergab sich durch meine Arbeit an Klanginstallationen.
Im Rahmen des Klangkunstfestivals sonambiente traf ich 1996 mit dem Architekten Malte Lüders zusammen, um ein Klangkunstwerk im Zentrum von Berlin zu erschaffen, das Klang und Architektur miteinander verknüpft und die örtlichen Gegebenheiten, Stimmungen und Geräusche mit einbezieht. Als Ort wählten wir den Innenhof der Staatsbibliothek Unter den Linden aus. Für diesen Ort schufen wir die Klanginstallation 'Holle'.

foto holleDer Titel Holle bezieht sich auf ein in Deutschland sehr bekanntes Märchen: Frau Holle. In diesem Märchen gibt es eine Mutter, die hat zwei Töchter. Die eine ist fleißig und die andere ist faul. Beide werden auf eine Probe gestellt und das Märchen endet damit, dass die fleißige belohnt wird und die faule bestraft. Das geschieht nun so: beide müssen durch ein Tor gehen, bei der fleißigen regnet es Gold, als sie unter den Torbogen tritt und bei der faulen regnet es Pech. Diese Idee griffen wir als Parabel auf, nur dass wir kein Gold oder Pech regnen lassen, sondern Klänge. Wie im Märchen Frau Holle betritt der Besucher ein Portal, in dem 180 Plexiglasröhren frei schwingen. In der Mitte des Portals, umschlossen von 3 Meter langen Röhren, öffnet sich ein dreidimensionaler Hörraum. Aus 88 in die Röhren eingelassenen Lautsprechern ergießt sich eine Strom aus Naturgeräuschen, Stimmen, Klängen und Tönen über den Hörer. Mit Blick auf die Umgebung, die durch die schwingenden durchsichtigen Röhren fremd erscheint, lauscht der Besucher märchenhaften Klangwandlungen.
Die vierkanalige Musikkomposition greift das Geräusch der Wasserfontäne im Innenhof der Staatsbibliothek auf, entlockt ihm musikalische Harmonien und läßt Tier- und Menschenstimmen, Instrumentalklänge und Zivilisationsgeräusche hervortreten. Die Collage endet mit dem gelesenen Text des Märchens Frau Holle. Die gläserne Klangoase bezieht sich auf die verwunschene Umgebung der grün bewachsenen Architektur des klassizistischen Innenhofes und weckt im Besucher Assoziationen von Märchenhaftigkeit.
Holle (Berlin 1996 bzw. Triepkendorf 2003)
top

modell koerperwellen ...Eine weitere gemeinsame Arbeit mit dem Architekten Malte Lüders ist die Klanginstallation 'Körperwellen-Wellenkörper', die im Jahre 2000 entstand.
Für den Lichthof des Sender Freies Berlin entworfen, reflektieren die Proportionen der Installation dessen ausgewogene funktionalistische Architektur.
Das komplexe Erleben von Musik durch Sehen, Hören und Spüren ist Thema dieser Installation. Bei sehr tiefen Tönen oder Frequenzen – an der unteren Schwelle des Hörens – wandelt sich unser Klangempfinden, Klang wird fühlbar und kann auch
sichtbar gemacht werden. Entlang zweier freischwingender Holzplanken stehen vier Wasserbecken. In den Becken sind unter der Wasseroberfläche sowie an der Unterseite der Holzplanken Bodyshaker montiert.

foto bodyshakerBodyshaker sind spezielle Schallwandler zur Wiedergabe sehr tiefer Frequenzen. Sie versetzen Dinge wie Holz, Luft oder Wasser in hörbare, spürbare und sichtbare Schwingungen. Ich steuere diese Schallwandler mit speziellem Klangmaterial an, das aus Wassergeräuschen, gestrichenen Weingläsern, menschlichen Stimmen und tiefen Sinustönen unterhalb unserer Hörgrenze besteht.
Beim Betreten der Planken spürt der Besucher Vibrationen im Körper und sieht kreisförmige Wellen auf den Wasseroberflächen. Die leisen Klänge der Komposition sind kaum ortbar, bewirken jedoch verschiedene Transformationen: den Übergang von Klang in Bewegung und den Übergang von auditiver in taktile und visuelle Wahrnehmung. So entschwindet der Klang dem Gehör und taucht zugleich als leichtes Kribbeln im Körper wieder auf, Wellen glätten sich auf dem Wasser und wandeln sich zu hörbaren Klanggebilden und umgekehrt .
Körperwellen-Wellenkörper (SFB Klanggalerie 2000)

foto klangflussWeitere Klangkunstwerke, die ich mit Malte Lüders realisiert habe, sind die Klanginstallationen Klangfluß , eine Installation aus sieben transparenten Klanginseln, die wir auf einem schmalen Gewässer in einem Park in der Stadt Großenhain schwimmen ließen, sowie

foto cumulus Cumulus , aus fünf verschieden großen Stahlflächen, die untereinander nach einem geometrischen System fest miteinander verschraubt sind. Sie schweben über den Köpfen der Besucher. Jede der Stahlflächen hat ein eigenes charakteristisches Klangpotential, das wiederum durch Bodyshaker angeregt wird.






Aus Verstreutem ein Ganzes
Jedes Stück ist für mich ein Abenteuer. Ich stürze mich immer wieder auf ein neues Gebiet, das mich fasziniert, lote es bis an meine persönlichen Grenzen aus und kehre zu meinem Ausgangspunkt verändert zurück um neues Terrain zu erobern. Ich brauche diese Vielfalt, um mich zu entfalten.

Mein Lehrer Georg Katzer hat einmal zu mir gesagt: Es zeichnet einen Komponisten nicht aus, was er mit einem ganzen Orchester anzufangen weiß, sondern ob er mit zwei Klanghölzern ein gutes Stück komponieren kann.

Das abschließende Stück basiert zwar nicht auf Klanghölzern, verwendet aber ein ähnlich karges Material. Ich sammele unter anderem Tierstimmen und komponiere manchmal Stücke daraus. Hören Sie die Miniatur Muh , für ein Kuh-Quartett.