Kritiken


The Guardian (Freitag, 23.01.04)

Wo ist all die Musik geblieben?

Manchmal reicht es, dem Rumoren deines Magens zuzuhören

Unmengen von Audio CDs auf dem Markt streben in Richtung einer Klangästhetik, welche nahe der Welt des expressiven Designs und solcher Art von Kunst anzusiedeln ist. Mit anderen Worten: konzeptuell, unerträglich verwirrend, sexy, elitär, technisch innovativ, schwer beurteilbar, immens schöpferisch und von enorm variirender Qualität und Intention. Diese Werke der Klangkunst bewirken Reaktionen, ähnlich der von Galeriebesuchern, die ein Kunstwerk mit einer individuellen Geschwindigkeit erschließen und auf vielfältigste Art und Weise reagieren können: mit abrupter Ablehnung, stummer Verwirrung, in Andacht versunken, voll sinnlichem Genuß oder gar nichts von alledem.
Lutz Glandiens Album „Lost in Rooms“ ist zum Teil ein zeitgenössisches 'soundscape album', doch es ist viel eher Musik als manch andere Produktion. Glandiens Klangmaterial beinhaltet die Kindheitserinnerungen eines Kanadiers, dessen Erzählung von einer einfühlsamen Umgebung, leiser elektronischer Geräusche und prägnanter Samples, häuslicher Klänge, Eisenbahngeräuschen sowie einem ominösen tiefen Brausen umhüllt ist. Es ist eine intime, radiophone Ballade. Diese Art von Sounddesign, welche für gewöhnlich in der Filmmusik beheimatet ist, wird hier jedoch von Glandien mit großer Raffinesse behandelt und er pflegt zudem einen interessanten mysteriösen Umgang mit elektronischen Rhythmen. Er hat keine Eile, seine thematischen Ideen zu entwickeln, aber es gelingt ihm.

John L Walters



BBC London

Lutz Glandien – Lost In Rooms, A Virtualelectric Story
( veröffentlicht unter: http://www.bbc.co.uk/music/ )

Worte tauchen plötzlich auf, verkündet auf sanfte, wundersame Weise. Sie erzählen von der Kindheitserinnerung an ein ‚zu Hause‘, das durch eine Klanglandschaft belebt wird, welche wiederum dessen Beschreibung einhüllt. Klang und Musik folgen unscheinbar Erzählungen, leuchtend wie Lichter, aus dichtem Nebel schleichend hervortretend.

Im Laufe des zweiten Stückes kehrt der Erzähler verändert zurück, seine anfängliche Gelassenheit ist ersetzt durch Erregung. Seine Worte werden ihm nun förmlich aus dem Halse gerissen – sie sind gedehnt, gequetscht und verdreht, so dass eine kognitive Entschlüsselung kaum mehr möglich ist. Die Auswirkung ist so beunruhigend, dass man meinen könnte, dass der Sprecher zu einem Geist geworden ist, welcher durch die Musik spukt. Entrissen der Möglichkeit sich zu artikulieren kann er weder verstanden werden noch Frieden finden. Der Rhythmus der Musik scheint ein Echo des Sprachmetrums zu sein, welches dieser zuvorkam. Silben werden zu Zischen, Phoneme werden zu Kreischen – gleich den mageren Schreien kleiner Teufel.

Es folgt eine flüchtige Erinnerung, jener Spaziergang entlang Bahngleisen – rekapituliert vom Erzähler –, welcher wieder ‚vervollständigt‘ wurde (es wirkt, als ob er von den Toten auferstanden wäre), jedoch kann man sich nicht dem Gefühl seiner gesteigerten Verwundbarkeit entziehen. Weitere aufbereitete Stimmen, deren unterschiedliche Timbre die Tiefe des Dramas ausdehnen, tauchen auf und verschwinden wieder. Es scheint so, als ob sie Geister wären, welche nur intuitiv begreifbarer Geschehnisse Zeuge sind.

Die Musik, welche um diese Stimmen ebbt und fliesst, ist nervös, insektenartig, elektronisch, jedoch ist in ihr auch ein gewaltiger Anteil an implizierter Brutalität zu vermerken, welche den Hörer durch unerwartete akustische Schläge aufschrecken lässt. Der Prozess des Zerreissens wurde nicht nur bezüglich der Stimme, sondern auch der Musik verwendet. „Lost in Rooms“ ruft eine spezielle Assoziation mit Mark Z. Danielewskis Roman House of the Leaves (Das Haus der Blätter) hervor. Auch in diesem Werk werden Sätze verzerrt, verdreht und gedehnt, womit die typographische Reflektion der Verrenkung des verfluchten Hauses, um das es geht, versinnbildlicht wird.

Es wäre nicht richtig, „Lost in Rooms“ als filmisch zu beschreiben. Es steht als ein in sich abgeschlossenes Werk, welches Bilder vor dem geistigen Auge beschwört, die weniger vorhersehbar sind als die in der großen Mehrheit von Soundtracks. Wie man dem Untertitel entnehmen kann, ist es eine Geschichte, aber eine solche, die zum Großteil vom Zuhörer selbst komponiert wird, indem er vom Komponisten und seinen Erzählern kryptische Zeichen vermittelt bekommt. „Lost in Rooms“ ist eine überzeugende Synthese aus Drama, Erinnerung, Atmosphäre und Musik, welches seinen wohlverdienten Platz neben Russel Mills (welches einen schwächeren Vergleich darstellt) und Deadly Weapons (ein einmaliges Projekt mit Steve Beresford, David Toop und John Zorn), um nur zwei eventuell vergleichbare Projekte zu nennen, einnimmt.

Die letzte Erzählungsepisode berichtet von der späten Rückkehr zu einer lange unbesuchten Kindheitsheimat und dem Problem, die nun veränderte Umgebung wiederzuerkennen. „Lost in Rooms“ ist angereichert mit Bedrohlichkeit, Unheimlichkeit und Schauder – Eindrücke, welche die Destillation der Transformation vom Gewöhnlichen zum Seltsamen sind.

Colin Buttimer
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Dusted Magazine
Lutz Glandien – Lost In Rooms, A Virtualelectric Story

„Lost in Rooms“ erweckt das Bedürfnis, Bewegungen für eine Tanztruppe – a la step step step – zu choreographieren. Daher ist es auch kein Zufall, dass diese Aufnahme für Duty Free, eine Produktion der Berliner Tanzcompagnie RUBATO, produziert wurde. Es werden Freiräume für Tanz geschaffen, welche aber auch als Musik für drastische Reflektion funktionieren können. Obwohl teils Industrial Sound und teils im IDM-Stil, gedeiht Glandiens neueste Arbeit dennoch auf einer Stufe geistiger Reife, welche die Fallen der Genretrends umgeht. Dies ist endlich mal eine Audiodokumentation über soziale Studien, daher auch der Untertitel A Virtualectric Story. Die CD rankt sich um eine Erzählung von Daelik, einem kanadischer Tänzer, der schlichte Geschichten über sein Heranwachsen in einer großen Familie in einer Kleinstadt Kanadas erzählt. Die Erzählungen werden begleitet von vielschichtigen atmosphärisch-orgastisch-geräuschhaften Klängen, welche eine eher dunkle Stimmung verbreiten und an Muslimgauze oder die frühen Front 242 erinnern. Dadurch wirkt das Rauschen von Luftströmen und das Kesselraumdröhnen um so heftiger und prononcierter. Der Fluß der Erzählung wird von schnellfeuerartigen IDM-Einwürfen unterbrochen. Die Konstruktionen sind verwirrend kompliziert, ähnlich dem Innenleben einer Stoppuhr. Die Stücke sind treibend, präzise und komplex. Glandien verwendet neu zusammengesetzte Fragmente von Klangmaterialien und collagiert sie zu einem melodischen Ganzen. Der Effekt ist grob gesagt so ähnlich, wie ein Autechre Album mit 45 Umdrehungen abzuspielen, und wenn Daelik zu erzählen fortfährt, ist es wie in einen offenen Hof zu stolpern nachdem man sich durch ein Labyrinth gewunden hat. Daelik schwatzt über Kindheitsstreiche und die späte Rückkehr in seine Heimatstadt, die inzwischen ihre Unschuld an eine postindustrielle Landschaft mit zerborstenen Silos und verrosteten Eisenbahnwaggons verloren hat. Einzigartig an „Lost in Rooms“ ist Glandiens Verwendung der menschlichen Stimme für die IDM-Stücke. Glandien hat gesprochene Texte in englisch, estonisch, deutsch und chinesisch aufgenommen, verschiedene Konsonanten miteinander verbunden und erschafft damit ein furchteinflößendes Gefühl, welches köstlich beunruhigend und absolut einzigartig ist.

I Khider



The Squid's Ear
Lutz Glandien – Lost In Rooms, A Virtualelectric Story

Glandiens dritte Recommended Records Veröffentlichung ist, ähnlich seinem Album „The 5th Elephant“, wieder im elektroakustischen Bereich anzusiedeln, jedoch reicher an Klangfülle und mit einer noch eindrucksvolleren Dynamik. Dieses Werk, mit dem Untertitel ‚Virtualectric Story‘, wurde sorgfältig mittels elektronischer Quellen, gesprochener Erzählung, akustischen und vokalen Samples, sowie rhythmischen Loops konstruiert. Glandien verfügt über umfangreiche Erfahrung auf kompositorischen und instrumentalem – wie auch orchestralem – Gebiet, doch scheint er sich im elektroakustischen Bereich am wohlsten zu fühlen. „Lost in Rooms“ definiert sich durch die markante Erzählung des kanadischen Tänzers Daelik. Die am Anfang der CD beginnende Geschichte beschreibt Daeliks Erinnerungen an sein Elternhaus und dessen verschiedenen Zimmern. Der Grundton der Geschichte ist optimistisch: zweifelsohne schätzte Daelik die Erziehung in dem Haus, welches er beschreibt und empfindet dieses – sowie dessen nähere Umgebung – als Quelle der Phantasie und seiner Neugier. Er berichtet auf nachfühlbare Weise von seiner Erziehung, was der Geschichte ein angenehmes und interessantes Flair verleiht – eine respektabele Leistung für eine Aufzählung gewöhnlicher Erinnerungen. Er führt die Geschichte bis ins heute fort, als er heimkehrt und sein Elternhaus – inzwischen bewohnt von seiner Schwester – völlig verändert und entfremdet vorzufindet. Glandien führt mit reichhaltigem Tonmaterial durch die Geschichten, haucht deren verschiedenen Facetten Leben ein und lässt dadurch eine ungewöhnliche und doch angenehme Klangwelt entstehen. Zusätzlich zur Erzählung finden sich durchgehend verschiedene gesamplete Stimmen, welche zur Akzentuierung der Geschichte beitragen und zudem eine tragende Rolle in den rhythmischen Sektionen der Musik spielen. Glandiens Stücke entwickeln sich langsam, wobei Samples genutzt werden, um die Hauptteile miteinander zu verknüpfen, wie z.B. Eisenbahnsamples, welche als Vorankündigung für Daeliks Beschreibung des ‚tightrope walking‘ auf den nahe gelegenen Eisenbahnschienen fungiert – andere Stücke auf eher akustisch deskriptive Weise, wie ‚Huge Kitchen‘, in welchem durch weite Klänge das Gefühl eines gewaltigen Raumes vermittelt wird. Von großartiger Wirkung sind auch die in ‚Four Bedrooms‘ zusammengesetzten Samples aus Daeliks interphrasiertem Atmen und den Fragmenten seiner Worte. Glandien hält sich generell an die Geschichte, ergänzt diese, und konzentriert sich dabei auf Intentionen und erzeugt dadurch Ehrfurcht und Mystik. Seine Klangpalette ist weit gespannt, wobei er einen hochentwickelten und subtilen Umgang mit Samples hegt. In den vorrangig perkussiven Passagen wird die Qualität des Sounds allerdings etwas schwächer und die Rhythmik statischer als in den eher freien Passagen. Dies ist aber der Ausnahmefall. Im großen und ganzen ist „Lost in Rooms“ ein gut konstruiertes und ausgereiftes elektroakustisches Werk.

Phil Zampino (Herausgeber von 'The Squid's Ear')



Lutz Glandien – Lost In Rooms, A Virtualelectric Story

Komposition mit Sprachfragmenten

'Four Bedrooms' erschafft durch Aneinanderfügen von Silben und synkopierten Beats eine klaustrophobische Atmosphäre. Es ist nicht mehr eine Person, die da spricht, sondern ein ganzes Universum von Sprachtänzen in ruhelosem Tempo. Das gilt auch für 'Two Of My Sisters', welches dieses Konzept um so mehr verdeutlicht, und 'Into a Better Room', welches eine pfündige Drum'n'Bass Session entfacht. Für verschiedene Industrial-Music Anlehnungen stehen Titel wie 'All The Roads' und 'As They Sunk'. Die Sprache an sich ist in 'The Last Room' – was wie ein geplagtes Gespenst klingt, welches durch ein Geisterschloss wandelt –überhaupt nicht mehr verständlich. Dies ist indirekt auch eine Studie über die Interaktion zwischen menschlichem Leben und dessen Umgebung. Die spannungsgeladene und ereignislose Klanglandschaft des Titels 'Like This' vereint die stimmlichen Äußerungen einer Frau in ihrer intimsten Dimension.

Piero Scaruffi

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