Texte

Sechse kommen durch die Welt
(Komposition für sechs Sixens)
für Percussionensemble, 1994

Märchenhaft sind diese Instrumente, diese Sixens, sehen aus wie riesige Vibrafone und klingen wie aus einer anderen Welt. Die Intervalle zwischen den 19 Klangplatten, die chromatisch angeordnet sind, schwanken zwischen einer großen Terz und einem Viertelton, und erstrecken sich über einen Umfang von ca. fünf Oktaven. Alle sechs Instrumente weichen indes in ihrer Stimmung etwas voneinander ab, so daß letztendlich 114 verschiedene Töne zur Verfügung stehen. Glücklicherweise konnte ich alle diese Töne in Strasbourg auf ein Tonband aufzeichnen und damit meinen heimischen Computer und Sampler füttern. Nach zeitaufwendiger Analyse der Tonhöhen und zahlreichen Studien des Materials stellte ich fest, daß der harmonische Reichtum besser zum Tragen kam, je einfacher ich die rhythmische Struktur komponierte. So benutzte ich ein kanonisches Formmodell , um die Klangfacetten der einzelnen Instrumente deutlich hörbar zu machen. Ausgangspunkt ist ein strenges rhythmisches Thema, welches in verschiedensten Variationen, Stauchungen und Streckungen überlagert wird, jedoch immer erkennbar sein soll. In den ersten drei Abschnitten der Komposition werden die Tonhöhenebenen des Themas nach und nach gegeneinander verschoben, so daß partiell einzelne harmonische "Inseln" entstehen. Jene Entwicklung kulminiert im vierten und vorletzten Teil in einem rhythmischen Unisono, das in einer Klangwoge mündet. Den Schluß des Stückes dominiert wieder das Thema, diesmal jedoch scheinbar in Zeitlupe und – diesen Charakter unterstützend, quasi zur Ruhe kommend – werden die Töne zur gleichen Zeit geschlagen und gestrichen.
"Sechse kommen durch die Welt" – kein Märchen ohne Worte. Vielleicht sitzen auch einst in Deutschland die Kinder in der ersten Reihe eines Konzertes für Neue Musik, wie man es in Frankreich schon erleben kann.
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