Texte

Scenes from no Marriage
(Booklet-Text)

Als ich irgendwann vor ca. 10 Jahren auf dem E-Musikmarkt meinen Stand eröffnete, war ich sehr erstaunt darüber, daß auf diesem Markt fast ausschließlich Partituren getauscht oder gehandelt wurden. Ich erinnere mich ganz genau, daß ich jedesmal, wenn ein Kunde mit einer Partitur unter dem Arm den Stand verließ, ihn fragte: ob er denn nicht hören wolle, wie das klingt, was er gerade gekauft hatte? Das habe er schließlich studiert, solche Partituren zu lesen, NEIN, eine Tonaufnahme brauche er wirklich nicht, schönen Dank ... – und ging.
Ich gebe zu, daß mir damals ein Stein vom Herzen fiel, denn ich hatte keine Aufnahme von der Partitur, das Stück war nie gespielt worden.

Die Notation Neuer Musik ist längst zum Fetisch geronnen, welcher in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts in dogmatischer Weise die Vormachtstellung über das klangliche Resultat erlangt hat. Das Erscheinungsbild der Partitur ist von größerer Bedeutung als deren klangliche Realisation.

Die Hinwendung zu elektroakustischer Musik, also die Hinwendung zur Produktion von Stücken für Instrumente und Zuspielband, verschiedenen anderen Kombinationen von Instrumenten mit elektronischen Mitteln, war der vermeintliche Ausweg aus der Klanglosigkeit jedweder Partitursymbolik.

Bedingt durch den Umgang mit elektronischen Komponierhilfen gab es bald einen Umbruch in meiner Arbeitsweise. Ich habe gelernt, simulierend, also im weitesten Sinne physisch hörend zu komponieren. Das Einzigartige ist dabei das Phänomen der akustischen Rückkopplung während der Arbeit. Zu jedem Zeitpunkt des Kompositionsprozesses kann man das Resultat hörend verfolgen, das Werk wächst wie ein Bild, ist veränderlich in elektronische Speicher eingraviert.

Ich habe am Ende der Arbeit bereits ein Ergebnis, eine Simulation und muß nicht warten, bis irgendwann nach ein oder zwei Monaten oder Jahren ein Musiker jenes Stück aufführt.

Daß ich somit den Prozeß einer "Aufführung" für mich vorverlege, hat für mich zu einem enormen Produktivitätsgewinn und auch zu einem Lustgewinn an der Arbeit geführt.

Der Arbeitsprozeß ist mir wichtiger als das Endresultat.

Die erste Komposition, die so entstand, ist ... und war es noch still! (1989) für das Ensemble Modern, das in Witten uraufgeführt wurde. Dieses Stück ist am Computer entstanden, also simulierend komponiert. Ich arbeitete ohne Notendarstellung, sondern lediglich mit einer Art Balkenschrift, die ich erst nachträglich, nachdem ich hörend mit dem Ergebnis zufrieden war, in eine Partitur umsetzte, um es für die Musiker spielbar zu machen. Jene Partitur schrieb ich, die Balkenschrift quasi übersetzend, vom Bildschirm des Computers ab.

Simulation und Komposition sind für mich zur Zeit untrennbar verbunden.

Die Musikindustrie bietet heute Systeme an, mit denen ich relativ gut verschiedenste Klangsituationen simulieren kann, Naturinstrumente, Geräusche und rein elektronisch erzeugte Klänge kann ich miteinander kombinieren, Verläufe simulieren.

Alle Kompositionen in den letzten fünf Jahren, ob für Naturinstrumente oder Lautsprecher(wiedergabe) sind so entstanden, daß zuerst das Band da war, dann – wenn überhaupt erforderlich – die Partitur geschrieben wurde, entweder gedruckt oder, wenn sie zu kompliziert war, vom Demodruck in lesbare Notation übertragen wurde.

Ein Arzt kann eine Operation simulieren. Ein Architekt kann sich ein Gebäude von innen betrachten, noch ehe die Außenwände errichtet sind, und ein Komponist kann sich eine Musik anhören, noch bevor sie aufgeführt wird. Wir sind in einem technologischen Umbruch begriffen. Systeme wie Cyberspace oder andere Instrumente zur Simulation von optischen oder akustischen Prozessen stehen heute auf der Tagesordnung.

Ich bin an einem Punkt, da ich die simulierte Form auch als eine mögliche Form zu akzeptieren gelernt habe.

Für mich ist die Arbeitsweise an einem Tonbandpart nicht mehr unterscheidbar von der am real erklingenden Instrumentenpart, nur daß sich das Material unterscheidet, daß ich im Instrumentalpart mit authentischen Instrumentaltönen arbeite, jedoch im Tonbandpart die Klänge verfremde und dort eine andere virtuelle Klanglichkeit aufbaue, die scheinbar von keinem realen Instrument mehr herrühren kann, also

ein rein fiktiver Klang ist, der keinen Körper mehr hat ...

Das ist ja das Phänomen, was elektronische Musik von traditioneller Musik unterscheidet. Elektronische Klänge haben keinen Körper, dem sie entspringen. Wenn ich eine Geige höre, sehe ich, rieche ich die Geige, ich sehe den Geiger und ich weiß, der Klang kommt von der Geige. Wenn ich einen elektronischen Klang höre, einen Synthesizerklang, der keinen Körper hat, weiß ich nicht, wo er herrührt. Es gibt keine optische Entsprechung.

Die Frage ist, welches Verhältnis haben die verschiedenen musikalischen Existenzformen zueinander? Die virtuelle und die wirkliche?

Ein Musiker spielt auf der Bühne ein Instrument.
ich höre live das Instrument und sehe den Musiker

Ein Musiker spielt auf der Bühne ein Instrument in ein Mikrofon.
ich höre das Instrument durch Lautsprecher und sehe den Musiker live

Ein Musiker spielt auf der Bühne ein Instrument hinter einem Vorhang.
ich höre live das Instrument und vermisse den Musiker

Ein Musiker spielt auf der Bühne ein Instrument hinter einem Vorhang in ein Mikrofon.
ich höre das Instrument durch Lautsprecher und vermisse den Musiker

Ein CD-Player übernimmt auf der Bühne hinter dem Vorhang die Rolle des Musikers.
ich höre das Instrument durch Lautsprecher und ...???

Mehr als 90 % aller Musik ist den Hörern lediglich von Tonträgern her bekannt. Meist nie real gespielt, existiert davon wiederum ein großer Teil nur virtuell auf CD oder anderen Tonträgern, wurde nie live gespielt.

Es wird fast nie über das Klingende geredet, denn es entzieht sich vollkommen der Beurteilung durch Worte ...
... weil das Ohr bei der Entscheidung und Beurteilung völlig andere Wege geht als das Auge auf dem Papier. Und da schließt sich der Kreis, daß ich nicht mehr am Notenmaterial hängen will, sondern viel freier mit den Sachen umgehen kann, und merke, daß ich mir nicht so viel verbiete.

... oft schon hatte ich eine Idee, die spontan war, manchmal auch nur eine Stimmung, oder ein Gefühl, doch jene dann auszuarbeiten mittels einer Partitur konnte Tage oder Wochen dauern, und schon war alle Spontaneität begraben. Diese Kluft zwischen der Geschwindigkeit von Einfällen und der schriftlichen Fixierung, die hat mich immer eingeengt. Aus dieser Klemme wollte ich intuitiv immer heraus, ich wußte nur nicht wie. Nach der Erfahrung der letzten Jahre jedoch ahne ich, daß die Entwicklung eines Brain-to-Score (to Sound ore Computer) -System lediglich eine Frage der Zeit ist. Ein universales Aufnahmesystem für musikalische Momentaufnahmen, die dem Verbraucher als Freizeitvergnügen zur Verfügung stehen werden, und für den Professionellen die Basis für weiterführendes formendes Komponieren darstellen werden. Ein System, weitaus individueller aber ähnlich demokratisch und finanzierbar wie das heutige MIDI.

Lutz Glandien (Auszüge aus verschiedenen Interviews und Artikeln)
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