Kritiken

Tubakonzert
für Tuba und Orchester, 1987

Erschütternde Botschaften über Zeitläufe hinweg
[...] Genauso wichtig an diesem Abend war eine Uraufführung zu Beginn: Neue Musik, farbig und originell, darin nicht zuletzt auch in der Nachfolge des Klangzauberers, Gustav Mahler stehend. Der junge Komponist Lutz Glandien stellte sein Tubakonzert zum ersten Mal vor. Ein mutiger Griff ins Ungewöhnliche gewissermaßen, denn dieses etwas kantige und schwerfällige Blasinstrument, das jedermann wenigstens aus deftiger Platzmusik vertraut ist, wurde erst in jüngerer Zeit und nur vereinzelt solistisch-konzertant erprobt. Glandien hat mit Michael Vogt, dem Solisten der Uraufführung, neue artistische Möglichkeiten für die Tuba erarbeitet. Im Solopart seines Konzertes werden die Klangräume des Instruments von den tiefsten bis zu den höchsten Lagen ausgeschritten und halsbrecherische Artikulationsweisen (bis zur Zweistimmigkeit) genutzt. Ein Solospiel von hohem virtuosen Rang ist gefordert, meisterlich wird es von Michael Vogt beherrscht. Es fügt sich in ein Werkganzes mit phantasievoller Dramaturgie (drei Teile in einem), die dem Dialogisieren von Solo und Tutti reiche Chancen bietet: Vom etwas betulichen tubagemäßen Prädulieren über hektisches Pro und Kontra, virtuose Kadenzen bis zu sanft schimmernden Klangflächen. Die reich besetzte Orchesterpalette ist äußerst variabel gehandhabt. Modern geschärfte Ballungen gibt es neben spielerisch schillernder Leichtigkeit. Auffällig ist das Sentiment des Komponisten für Klangfarben.
Dr. Liesel Markowski (NEUES DEUTSCHLAND vom 5.6.1992)


Das Wort hat die Tuba
Fünf Jahre lag das Tubakonzert von Lutz Glandien in der Schublade, ehe jetzt endlich seine Uraufführung möglich wurde. Der heute 38jährige (Schüler von Wolfram Heicking und Georg Katzer) schrieb es zwei Jahre vor dem Mauerfall für das Berliner Sinfonieorchester und seinen Solotubisten Michael Vogt. Die Affinität zu dem tiefen vermeintlich so unhandlichen Blechblasinstrument, die sich durch Glandiens in seiner Gesamtheit stilistisch aspektreiches Œvre zieht, gipfelt hier in einem Virtuosenstück, das ganz im Geist der Vergangenheit geschrieben scheint. Jenes Problembewußtsein gegenüber der Gattung Solokonzert, das im Grunde während des gesamten 20. Jahrhunderts präsent war und ist, schient hier jedenfalls für knapp 25 Minuten außer Kraft gesetzt. Auch wenn das konzertante Prinzip äußerlich gebrochen wirkt, es lebt fort als Idee.
Glandien ist kein Verfechter konziser Argumentation, hier weniger denn je. Seine Partitur wuchert mit Klang, attackiert den Hörer mit geballtem Orchesterharnisch, gegen den sich der Solist nicht immer behaupten kann. nimmt Redundanz in Kauf, auch vordergründigen Effekt. Da wundert es kaum, dass das dreiteilige annähernd achsensymmetrisch konzipierte Stück letztlich dort am stärksten wirkt, wo Glandien sich zügelt – im Mittelteil nämlich. Hier beginnen die Instrumentalfarben wirkliches Eigenleben zu entfalten. Sie geben dem Hörer Zeit zur Konzentration und verwandeln ein harmonisch schillerndes Gewebe in einen klingenden Irrgarten. Dies ist auch der Abschnitt, in dem Glandien von der episodischen Bilderbogenmanier des dramatischen Verlaufs abläßt, Gedanken weiterverfolgt, wirklich in sich hineinhorcht. [...]
Roman Hinke (BERLINER TAGESSPIEGEL vom 31.5.1992)
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